Der Workaholic In Dir (Warum Du Nicht Aufhören Kannst, Zu Arbeiten)

Manchmal ist es fast unmöglich, einzuschätzen, ob wir in einer gesunden Beziehung zu uns selber stehen. Schließlich ist der Begriff gesund Auslegungssache.

Es ist objektiv falsch (ungesund) sich selber zu verletzen, sei es durch Gedanken oder Verhalten. Das kann sogar ein Außenstehender beobachten und beurteilen. 

Wenn wir mit Distanz betrachten, wie jemand Dinge tut, die ihnen langfristig eher Schaden als Vorteile bringen, dann können wir sagen, das deren Beziehung zu sich selbst gestört ist. Zumindest schätzt die Person falsch ein, was das richtige Verhalten wäre, um zu bekommen, was sie braucht. Den Dorn im Auge deines Nächsten zu sehen, ist wie immer im Leben einfacher.

Aber was, wenn eine ungesunde Beziehung zum Selbst weniger offensichtlich ist? 

Was, wenn wir selbst Dinge tun, die zwar gesellschaftlich anerkannt sind, uns aber dennoch Schaden? Was ist mit zu viel Arbeiten, Bier trinken mit Freunden oder dem abendlichen Fernsehabend?

Alle diese Tätigkeiten sind okay, zumindest im Licht der Erwartungen der Gesellschaft. Weil es in diesen Fällen für Außenstehende so schwer ist, der Person objektives Feedback zu deren Verhalten zu geben (Weißt du, dieses Biertrinken zwei Mal pro Woche ist wirklich nicht in deinem Interesse), bleibt uns letztendlich nur die Selbsteinschätzung.

Selbstverzerrung Für Alle

Das Problem mit Selbsteinschätzungen jeglicher Art ist jedoch, dass diese Verzerrungen enthalten, und zwar Viele. Wir sind biased, d.h. wir können uns selbst nur undeutlich bewerten.

90% aller Autofahrer denken, sie fahren besser als der Durchschnitt. Die meisten Ärzte meinen, dass sie ihren Kollegen überlegen sind.

Was also, wenn unser Verhalten nicht direkt in unserem eigentlichen Interesse ist, wir es aber nicht bemerken?

Akt 1: Der Workaholic Tritt Ein

Ein gutes Beispiel für diesen Zustand ist der Workaholic, die Person, die meint, immer arbeiten zu müssen, jahrelang und ohne Pause. Es dauert meist mehrere Jahre, bis sich endlich die Erkenntnis einstellt, dass sie einen laufenden in Kreditschuld zu ihrem Körper leben.

Und selbst dann ist es oft nur schwer möglich, einen Gang runterzuschalten. Schließlich sind wir das, was wir regelmäßig tun. Je länger wir uns auf eine bestimmte Art verhalten, je länger wir in eine bestimmte Richtung denken oder fühlen, desto schwieriger wird es irgendwann, das entstehende Muster zu ändern. 

Der Workaholic ist also davon überzeugt, im eigenen Interesse zu handeln. Schließlich soll ihr Leben ja erfolgreich sein.

In diesem Sinne, ist ihr Verhalten eng an das eigene Wertesystem geknüpft nachdem Erfolg wertvoll und erstrebenswert ist. Wir streben nach dem, was wir für uns wertvoll erachten. 

Was aber, wenn die Grundlage, auf denen wir agieren, unser Wertesystem, einen Fehler enthält? Was wenn das Fundament unser Handlungen an sich gestört ist? Und viel wichtiger, was wenn diese Fehler unsere Lebensqualität langfristig eher senkt?

Der Innere Tyrann

Der Workaholic kann sich keine anderes Leben vorstellen als das eigene. Für sie gibt die Wertepyramide ganz klar vor, dass nur der Weg nach vorne (immer und überall) erstrebenswert ist.

Jedes Zögern, Atmen oder Stehenbleiben wird zu einer Hürde für das, was am Leben wichtig ist.

Aber ist das wirklich der Fall? Wie zuvor festgestellt, verhalten wir uns oft einfach in Linie mit jenen Mustern, die wir uns über viele Jahre angeeignet haben. Wo diese Muster letztendlich herkommen, wissen wir oft nicht. In vielen Fällen haben wir uns nie für diese Entschieden.

Stattdessen übernehmen wir unbewusst eine komplexe Menge an Kindheitserinnerungen, Einflüssen von Außen sowie internalisierten Erwartungen der Gesellschaft und verwandeln sie in eine Art Kompass, der dann den Rest unseres Lebens bestimmt. Ist ja egal, dass wir dieses Paket nie aktiv gewählt haben. Aber selbst wenn wir glauben, dass wir am Hebel sitzen, ist dies oft nicht der Fall. Das Gehirn, Wundermaschine und ewiger Tyrann.

Akt 2: Der Weg Des Workaholics

Was macht der Workaholic also? Sie arbeitet immer weiter, weil sie alle Vorkommnisse, die eventuell gegen ihren Lebensstil sprechen, ebenfalls im Licht von ihrem Wertesystem interpretiert.

Auch wenn sie ab und zu merkt, dass sie gestresst davon ist, wie sie sich selber Druck macht, wird der Zustand dann verzerrt wahrgenommen. Es ist nicht der dahinterliegende Zwang zu arbeiten, nicht der ewige Druck, der die Quelle des Stresses sein kann. Das ist unmöglich!

Es ist die Tatsache, dass die Arbeit noch nicht erledigt ist oder gar, dass wir ein kleines bisschen zu wenig gearbeitet haben. Deswegen fühlen wir uns gestresst. Aber die Frage, ob vielleicht die unterliegenden Werte nicht in unserem Interesse sind, wird gar nicht erst gestellt.

Die Frage, ob vielleicht die unterliegenden Werte nicht in unserem Interesse sind, wird gar nicht erst gestellt.

Das wäre ja viel mehr Reflektionsaufwand. Dann müssten wir ja unter Umständen alles umwerfen und re-evaluieren. Wenn ich nicht meine Produktivität bin, wer bin ich dann?

Eine erfolgreiche Person schließlich ist eine, die erfolgbringende Dinge tut, wie zum Beispiel zu arbeiten, oder wenigstens über die Arbeit nachzudenken, die Arbeit zu planen, oder wenn sie nicht arbeitet, hinterfragen, warum jetzt gerade nicht gearbeitet wurde und was man in der Zukunft anders machen kann, damit das ja nicht wieder passiert. Was soll denn sonst aus uns werden, so ganz ohne Arbeit?

Der Trick ist natürlich, dass man sich fast immer ein Wertesystem baut, dass nicht nur intrinsisch zufriedenstellend ist und einigermaßen gut mit dem der Gesellschaft zusammenpasst, sonder ebenfalls zielführend ist.

Instrumentelle Werte

Das Konzept der instrumentellen Werte ist die Idee, jene Werte zu wählen, die uns dahin bringen, wo wir sein wollen. Auch wenn wir an sich nicht an ein Konzept glauben, so können wir es dennoch zumindest zeitweise übernehmen, weil wir annehmen, dass es uns zu einem Punkt bringt, den wir als erstrebenswert erachten.

Selbst wenn ich von Natur aus Faul wäre, kann ich mir einreden, dass Arbeit wichtig ist, weil ich dann arbeiten werde und damit meinen Lebensunterhalt verdiene. Würde ich Faulheit als Wert behalten, dass wäre es deutlich schwieriger, mich zu irgendetwas zu motivieren. 

Instrumentelle Werte sind also jene, die wir in unser Leben integrieren, weil sie uns näher an einen Zustand in der Zukunft bringen, den wir als wertvoll erachten. Sie sind Werkzeuge.

Umso wichtiger ist es, dass sie Werkzeuge bleiben.

Das Problem ist natürlich auch hier wieder, dass alles, was wir wiederholt tun, irgendwann nahtlos in eine Identität übergeht. Unsere Handlungen sind davon beeinflusst, wer wir sind. Gleichzeitig sind es aber auch Handlungen, die unsere Persönlichkeit formen.

Über Das Ziel Hinaus

Deswegen muss man vorsichtig sein mit dem, was macht macht, auch wenn es als harmloser instrumenteller Wert beginnt, der eigentlich nur dabei helfen soll, ein gewisses Ziel zu erreichen. Man möchte sich vielleicht ab und zu bewusst daran erinnern, was eigentlich das Ziel war?

War das Ziel als wir uns unsere Arbeitsmoral angeeignet haben, dass wir unsere Arbeit besser zu erledigen, damit wir die Karrierestufe erreichen, die wir uns wünschen? Dann müsste der dieser Wert ja an Relevanz verlieren, sobald der gewünschte berufliche Erfolg ein Teil unseres Lebens ist. Oft ist dies jedoch nicht der Fall.

Selbstständige Tyrannen

Noch schwieriger wird es für uns Selbstständige, deren höchster Wert ja eigentlich eben die Eigenständigkeit ist.

Für uns ist es ja das Schlimmste überhaupt, wenn jemand Anderes über unser Leben bestimmt, wenn wir gezwungen sind, irgendetwas zu tun.

Es spielt dabei keine Rolle wo die Quelle für unser anfängliches Bedürfniss liegt. Ein überfordernder Vater oder Existenzangst, die wir schon als Kind von unseren Eltern gelernt haben zum Beispiel, könnten uns mit einem fast krankhaften Drang nach Unabhängigkeit ausstatten.

In ihrem Streben nach Unabhängigkeit, getrieben von der Angst vor dem Versagen und damit indirekt, der eigenen Vergänglichkeit, treiben die Selbstständigen sich immer weiter.

Dabei ist es fast unmöglich, zu bemerken, dass sie dabei selber zu dem überfordernden Vater werden und die eigene Existenzangst in ihrer aktiven Form ausleben. Auch wenn sie sich anders zeigt, existiert sie nichtsdestotrotz als ein immer währendes Bedürfnis nach oben zu streben. Trotzdem ist das die Angst. Wer von Angst getrieben ist, ist niemals selbstständig.

Die Sklaverei und tyrannische Herrschaft des Strebenden macht jedem Vater und jedem fordernden Chef Konkurrenz.

Der einzige Unterschied ist, dass hier alles im Selbst existiert. Das hat den Vorteil, dass wir es theoretisch ändern können.

Aber der große Nachteil ist, dass wir unseren Antrieb oft nicht als das wahrnehmen, was es ist. Dies wäre die Voraussetzung für Veränderung. Besonders wenn man keine Lust hat darauf zu warten, bis es bereits zu spät ist.