Deine Internet-Gurus: Stress reduzieren, direkt an der Quelle

Stress wird für die meisten Leute erst sehr spät ein Thema.

Erst war da der berufliche Druck, dann kamen die Kinder. Dann war da Beides gleichzeitig. 

Man musste einfach funktionieren.

Aber dann wurde der Stress immer schwieriger zu ignorieren.

Wenn du Glück hast bezahlt dir deine Krankenkasse eine Reihe von Kursen in Stress-Reduktion und du kannst dein neues Leben als erleuchteter Bald-Rentner beginnen. 

Schließlich hast du noch ein Viertel deines Lebens übrig, um ein stressfreies Dasein zu genießen.

Aber was, wenn du nicht bis fünfzig warten möchtest, um deinen Umgang mit Stress zu verbessern?

Wieso ist das Thema überhaupt relevant für dich, wenn du gerade am Anfang deiner Karriere steht?

Warum müssen wir uns heute schon mit Stress herumschlagen, obwohl wir gerade einmal damit begonnen haben, zu studieren?

Deine Großeltern hatten den Krieg…

Heutzutage ist das chronische Stressniveau viel höher als noch einige Jahre zuvor. 

Schon Schüler sind gestresst. 

Vielleicht liegt diese Steigerung im Stress-Vorkommen einfach daran, dass man in der Vergangenheit keine Wörter zu Verfügung hatte, um das Phänomen zu beschreiben.

Aber wahrscheinlicher ist es, dass dein Leben mehr chronischen Stressfaktoren geprägt hat, als das deiner Großeltern.

Die hatten den Krieg… 

Aber der war irgendwann vorbei. 

Und vielleicht war man auch nur beim Fliegeralarm so richtig gestresst…

Der Neue Stress

Wir haben glücklicherweise nur wenige der Probleme unserer Vorfahren. 

Für diese bedeutete Stress, keinen direkten Zugang zu Essen zu haben. Oder vielleicht von einem wilden Tier gejagt zu werden.

Aber dein Stress ist anders. Du erlebt sozialen Stress. 

Du hast Stress, den du gar nicht haben müsstest.

Wenn du in Deutschland lebst, studierst und arbeitest, gibst es eigentlich sehr wenig, um das du dir Sorgen machen musst.

Dennoch schaffst du es, Sorgen zu finden.

Dein Stress kommt auch nicht von Außen, sondern befindet sich in deinem Kopf. Du trägst ihn in deiner Hosentasche mit dir herum.

Ziele erreichen bedeuten Stress

Ziele zu setzen bedeutet immer auch Stress zu riskieren. 

Willst du Gewicht verlieren, dann musst du erst einsehen, dass du zu viel wiegst.

Die Einsicht an sich verursacht Stress. Der wäre da nicht, wenn du komplett mit dir selbst zufrieden wärst. 

Du gestehst dir plötzlich ein, dass nicht alles in deinem Leben perfekt ist.

Aber wo kommt jetzt der eigentliche Stress her? 

Warum kann deine Gewichtsreduktion nicht nur eine erfüllende Freizeittätigkeit sein, die dir über mehrere Wochen Befriedigung verschafft?

Das Problem ist das Internet und die unbegrenzte Möglichkeit, sich mit Anderen zu vergleichen.

Der alte Bademeister bringt’s nicht mehr

Vor 20 Jahren noch, hättest du den den durchtrainierten Bademeister im Schwimmbad nach Abnehmtipps gefragt. 

Dann hättest du in Seelenruhe ein paar Wochen vor dich hin trainiert und womöglich auch Erfolg gehabt.

Das geht auch jetzt noch. Aber nur, wenn du sehr ignorant bist (oder unglaublich viel vom Leben verstehst). 

Aber heute suchst du nicht mehr bei dem einen Bademeister im Schwimmbad nach Rat.

Du folgst zehn anderen Bademeistern (und Fitnessmodels) auf Instagram, die viel mehr durchtrainiert sind, als dein lokaler Bademeister.

Alle schlagen sie dir komplett unterschiedliche Trainingsmethoden vor. Du hast die Qual der Wahl.

Auch ist die Messlatte jetzt höher. 

Der Bademeister in deinem Schwimmbad war ein ein statistischer Ausreißer, ein Freak, der sich sein ganzes Leben nur mit Training beschäftigt.

Fast hast du ihn ein wenig bemitleidet.

Nur auf der Suche nach Trainingstipps sahst du überhaupt den Wert eines Gespräches mit ihm, diesem armen Anhänger des Körperkults.

Aber auf Instagram sieht plötzlich alles ganz anders aus. 

Wenn Alle besser sind als du

Nicht mehr die durchtrainierten Fitness-Models sind die Ausreißer.

Du bist der Ausreißer. Du bist die Außenseiterin. Du bist die einzige Person auf dem Planeten, die noch keinen Sixpack hat.

Du glaubst mir nicht? Such mal nach #abs auf Instagram und zähle die Personen, die einen Sixpack haben. 

Ziemlich viele, oder? 

Was sagt das über dich?

Der selbe Mechanismus greift in anderen Lebensbereichen..

Du willst mehr Geld?

Wenn du es wagst, nach Ratschlägen zu suchen, um mehr Geld zu verdienen, dann findest du etwas Anderes: Stress.

Stress begegnet dir in Form des 17-Jährigen, der Millionen mit einer App gemacht hat. 

Du findest zahllose Erfolgsgeschichten, bei denen irgendjemand irgendwie zum richtigen Zeitpunkt investiert hat und dann damit reich geworden ist. 

Dir begegnen immer wieder Menschen, die einmal genau wie du waren, bis sie die Super-Methode entdeckt haben.

Bevor du es überhaupt bemerkt, hat sich deine Welt multipliziert.

Zu Beginn hattest du nur nach einem Weg gesucht, um in deinem Arbeitsbereich mehr Geld zu verdienen. Jetzt zweifelst du auf einmal an deiner Karriere selbst. 

Das Resultat? Stress.

Wie du dich irre machst

Vielleicht solltest du ein Dropshipping-Unternehmen starten oder doch lieber digitale Bücher schreiben? 

Schließlich erzählen die ganzen Leute, die im Schlaf reich geworden sind, davon! 

Natürlich weißt du auch irgendwo, dass diese Gurus dir eigentlich nur ihre Kurs verkaufen wollen. 

Aber der urzeitliche Teil deines Gehirns, der deine Emotionen reguliert, hinkt hinterher…

Es gibt so viele von ihnen! Ist die Zahl von Online-Millionären in deinem Feed kein eindeutiges Indiz dafür, dass es wirklich möglich ist? 

Wie sollte deine Facebook-Timeline sonst voll mit Menschen sein, die es geschafft haben (und jetzt ihr Wissen mit dir teilen wollen).

Woher stammen all diese schönen, reichen und überzeugenden Menschen, wenn nicht aus der (statistischen) Gesamtpopulation? 

Du schaust doch gerade direkt auf die Realität, oder?

Ich muss dich enttäuschen.

Du starrst geradeaus in eine Illusion. Du glaubst an ein verzerrtes Bild der Welt.

Genauso wie ein Bauer im Mittelalter nimmst du der Oberschicht alles ab, was sie dir über die Welt erzählen. Deine Kirche ist dein Instagram-Feed. 

Die Influencer-Lüge

Was du auf sozialen Medien zu sehen bekommst, ist eine Auswahl der erfolgreichsten Menschen der Welt.

500 Stunden Videos werden pro Minute von Youtube-Nutzern hochgeladen. 

Unabhängig von deinem respektiven Interessengebiet, erlebst du also nicht das Gesamtbild der Informationen. Du bekommst das zu sehen, was am weitesten vom Mittelwert liegt.

Der Algorithmus will es so.

Den durchschnittlichen Fitnesstrainer, die eher unattraktive Make-Up Youtuberin, oder die Person, die sich mit ihrer Arbeit im Internet ein moderates Einkommen verdient, bekommst du niemals zu sehen.

  • Du siehst eines der durchtrainiertesten Fitness-Models der Welt und denkst dann, du könntest genau so aussehen.
  • Du schaust dir die Videos der populärsten Makeup-Show der Welt (hauptsächlich durch die Attraktivität der Youtuberin berühmt geworden) und glaubst dann, dass du mit einem Klecks Farbe im Gesicht genau so aussehen wirst.
  • Du liest den Blog einer der reichsten Internet-Marketer der Welt (die ihr seltsames Business-Model seit Beginn des Internets fahren). Und du glaubst ihm, wenn er sagt, dass auch du das kannst…

Kannst du, ja.

Aber deine Erfolgswahrscheinlichkeit geht gegen Null.

Du blickst auf ein verzerrte Stichprobe, bei der man dir nur die Ausreißer zeigt. 

Was auch immer dir im Internet als Normalität vorgegaukelt wir, ist eigentlich das direkte Gegenteil: Extremer Erfolg in allen Bereichen.

Warum es nicht für dich nicht funktioniert

Und dann sitzt du bei dir in Kaiserslautern auf dem Sofa und fragst dich, warum du nach 6-Wochen Fitnessprogramm mit Greg aus L.A. noch nicht genau so aussiehst wie er.

Du postest bereits seit einem Jahr Vlogs–genau wie Casey Neistat. Wie kommt es, dass du die eine Millionen Subscriber noch nicht geknackt hast? Oder ist es zu erwarten, dass deine 73 Abonnenten demnächst explodieren? 

Und was ist eigentlich mit deinem Gesicht los? Du benutzt doch genau das selbe Make-up wie Lindy aus New York (früher Fashion-Model). Die Jungs beachten dich immer noch nicht!

Und wieso zur Hölle bist du noch nicht Millionär! Der Kerl dessen Business-Mentoring du gekauft hast, hat doch selbst gesagt, dass viele seiner Klienten nach drei Monaten sechsstellig verdienen?

Bist du jetzt zu dumm oder zu faul?

Weder noch. Aber gestresst bist du auf jeden Fall.

Dann musst du eben härter arbeiten…

Mit harter Arbeit kannst du alles erreichen. 

In dieser einen Sache sind sich deine alle Gurus schließlich einig: Du kannst so sein wie sie!

Natürlich unter der Voraussetzung, dass du dem Kurs beitrittst, oder das Ebook kaufst, oder eine Kaffeetasse mit ihrem Gesicht auf deinen Schreibtisch stellst.

Du kannst so sein, wenn du dich nur genug anstrengst.

Aber es gibt ein kleines Problem, nämlich deine Psyche.

Psychologischer Limbo

Wenn du deinen Zielen näher kommst, dann wirst du normalerweise von deinem Gehirn dafür belohnt.

Je kürzer der Abstand zwischen dem Ausgangspunkt und dem Endziel wird, desto mehr gibt dir dein hormonelles System ein gutes Gefühl. 

So weit so gut.

Aber was, wenn du dem Ziel nicht näher kommst? 

Was, wenn das Ziel von vornherein so unrealistisch war, dass deine Erfolgswahrscheinlichkeit fast Null beträgt? 

Was, wenn sie dich belogen haben? 

Oder vielleicht hast du dich jag selbst belogen! 

Wir nähern uns der Quelle deines Stresses. 

Du und deine Gurus

Wenn du es nicht schaffst deine Ziele zu erreichen, dann gibt’s auch keine hormonelle Belohnung. 

Stattdessen fühlst du dich schlecht, unfähig, wie ein Versager.

Du hast gewagt einen Zielzustand zu definieren anstatt für immer in der Mittelmäßigkeit zu verweilen. 

Und jetzt ist dein Leben schlechter als zuvor.

Aber es gibt einen Ausweg.

Fitness-Model Greg, Casey Neistat und Make-Up Lindy sind schließlich nicht die einzigen unrealistischen Vorbilder. 

Es gibt jede Menge andere (ebenfalls überdurchschnittliche) Menschen, die auch deinen Traum leben. 

Vielleicht war die Methode, das Workout, der kreative Ansatz, oder das Schneeballsystem dieses einen Influencers einfach nicht deins.

Und so wanderst du von einem Ausreißer zum Nächsten. 

Natürlich ist der nächste Influencer genauso Teil der 1% der erfolgreichsten Menschen in seinem Gebiet. 

Aber du schaust du dir diese neue Person an und glaubst, du kannst genau das haben, was sie haben–wenn du nur ihre Inhalte konsumierst. 

Aber du lernst dabei nur eines: dein Stresslevel permanent auf ein Niveau zu heben, das dir langfristig schadet. 

Du schaffst es erfolgreich, dich so mit toxischen Einflüssen zu füllen, als das es dir gar nicht mehr möglich ist, mit deinem derzeitigen Leben einfach nur zufrieden zu sein.

Wenn du so weiterlebst, dann riskierst zu nicht nur dein Glück, sondern je nach Grad deiner desperaten Suche nach mehr auch einen frühen Tod.

Stress reduzieren im Kopf

Hier sind ein paar Dinge, die du jetzt tun kannst, um dich von dem Stress zu befreien, den du selbst durch soziale Medien auf dich lädst.

1) Wer sind deine Vorbilder?

Schau dir einmal an, wem du derzeit auf sozialen Medien folgst.

Versuche objektiv zu bewerten, wie weit diese Menschen über dem Durchschnitt ihres jeweiligen Feldes liegen.

Überlege dir auch, ob es wahrscheinlich ist, dass du jeweils ihr Level erreichst.

Der Punkt ist, dass du endlich einmal eine realistische Einschätzung deiner Möglichkeiten vornimmst.

2) Lernst du überhaupt?

Dann stelle dir einmal die Frage, welcher dieser Leute tatsächlich die Ratschläge geben, die dich in dem respektiven Feld erfolgreich machen können?

Machst du Fortschritte oder lässt du dich in 5-Schritte-Methoden gefangen halten?

Konsumierst du wirklich hilfreiche Tipps oder Entertainment, das sich als Ratgeber verkleidet hat?

3) Lass dir keine Träume verkaufen

Befreie dich von jeglichem Infotainment in deinem Leben.

Orientiere dich weg von Influencern, die dir einen unrealistischen Lebensstil vorleben, ohne tatsächlich zu erklären, wie sie diesen aufgebaut habe.

(Ganz oft wurde da auch weniger aufgebaut als du denkst)

Ein halbnacktes Topmodel beispielsweise bekommt auf Instagram seine Follower automatisch. Da ändern auch ihre Reden über ganz viel harte Arbeit nichts.

4) Suche dir neue Vorbilder

Suche dir kluge Menschen, die tatsächlich wertvolle Informationen zum Erreichen deiner Ziele beizutragen haben.

Verabschiede dich von dem 5-Minuten-Home-Workouts des Gewinners der genetischen Lotterie (bei dem sogar das 5 Minuten-Workout Muskeln ansetzt)!

Orientiere dich lieber hin zu wissenschaftlich fundierten Vorträgen über Fitness. Selbst wenn die Trainer nur mittelmässig aussehen.

Anstatt der Person, die mit Ebooks reich geworden ist, höre lieber der Unternehmerin zu, die in deiner Stadt eine Reinigungsfirma begonnen hat, sie sich jetzt über die ganze Nation streckt. 


Vielleicht stellst du in dem Prozess ja auch fest, dass du komplett zufrieden damit bist, jemand anderem dabei zuzuschauen, wie sie ihr Leben leben.

Du findest vielleicht heraus, dass du dich in die Idee von Muskeln, Geld, oder Schönheit verliebst hast.

Wenn das der Fall ist, dann bist du ab jetzt frei. Wenn du dir selber eingestehst, dass du sowieso niemals wirklich den Plan hattest, diese Person zu werden…

Dann erkläre ich dich am dem jetzigen Augenblick frei von Stress.

Wenn du allerdings immer noch den Druck spürst, ließ weiter.

Die Hierarchie macht den Stress

Dein Stress-Level ist direkt an die Hierarchie geknüpft, in der du existierst. 

Wenn du blauäugig genug bist, dich mit den erfolgreichsten und attraktivsten Menschen der Welt zu vergleichen, dann musst du mit den Konsequenzen leben.

stress und arbeit

Deine Hierarchie ist das, was du tagtäglich siehst. 

Wenn du dich mit deinen besoffenen Nachbarn in Köln-Porz vergleichst, geht es dir erheblich besser, als wenn du durch deinen Medienkonsum zeitgleich mit Steve Jobs, Megan Fox und Barack Obama konkurrierst.

,,Was hab ich schon erreicht?”

Eben weil deine Konditionierung basierend auf jahrelangen Medienkonsum so tief ist, sind die oben genannten Schritte oft nicht genug. 

Oft hast du sich so an den globalen Vergleich gewöhnt, dass du härtere Maßnahmen ergreifen musst. 

In diesem Fall musst du dich vielleicht nicht nur in Richtung realistischer Ziele orientieren.

Vielleicht musst du sogar soziale Medien ganz boykottieren, zumindest für eine Weile.

Gehirnwäsche rückgängig machen

Wenn dein Stresslevel permanent erhöht ist weil du tagtäglich die Stimmen und Bilder des Erfolgs in deinem Kopf mit dir herum trägst, versuche einmal Folgendes:

Einen Monat lang fokussierst du dich einmal nur aufs Machen. Du produzierst einfach.

Ich werde dich nicht dazu einladen, alle deine Profile zu löschen, keine Sorge. 

Stattdessen kann du ja einfach mal das nehmen, was du bis jetzt von deinen Gurus und Lieblingsmenschen im Internet gelernt hast (oder haben solltest) und machst etwas damit. 

Das hat zwei Vorteile. 

Erstens wirst du nicht mehr ständig mit dem unerreichbaren Bild von Erfolg konfrontiert. Du reduzierst deinen Stress.

Zweitens hast du wirklich mal Zeit die Dinge umzusetzen und zu testen. Anstatt zu Hoffen, dass das Beobachten von attraktiven, erfolgreichen Menschen dein Leben verändern wird, stellst du deine Annahme auf die Probe.

Du findest ein für alle Mal heraus, was es mit Gregs Fitnessplan, Lindy’s Makeup-Set oder deinem Online-Marketing Kurs auf sich hat. 

Lange genug warst du außer dir vor Gier auf den Erfolg, Ruhm und Schönheit…

Jetzt ist es Zeit, zu deiner Mitte zurückzukehren. 

Wenn du das aufmerksam tust, dann fallen dir vielleicht ein paar Sachen auf, die nur nicht erwartet hättest. 

Vielleicht fällt dir auf, dass die stressige Version von Erfolg, die dein Leben dominiert, gar nicht zu dir gehört.

Vielleicht merkst du sogar, wie lange du schon nicht mehr du selbst warst.

Und wenn du Pech hast, dann weißt du gar nicht mehr, wer diese Person überhaupt ist.