Wie Die Reisesucht Fast Mein Leben Zerstört Hätte

Reisesucht.

Ich erinnere mich noch genau, wie ich damals den Begriff zum ersten Mal bei Google eingab. 

Ganz plötzlich war mir klar geworden: mein Reisen hatte eine krankhafte Form angenommen. Mein Verhalten war nicht mehr länger normal. Es war mir mittlerweile unmöglich, meinen Drang weiterhin als Ausdruck jugendlicher Reiselust einzuordnen.

Meine Beziehung zum Reisen hatte sich stark verändert. Reisen war nicht mehr nur ein Weg, die Welt zu erforschen, sondern eine Vermeidungsstrategie. Reisen nicht mehr für, sondern gegen etwas.

Reisen war nicht mehr nur ein Weg, die Welt zu erforschen, sondern eine Vermeidungsstrategie. Reisen nicht mehr für, sondern gegen etwas.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wovon ich überhaupt weg wollte. Ich hatte lediglich eine dunkle Vorahnung, eine Intuition, diese Art von vager Selbsteinsicht, die sich lange vor dem tatsächlichen Augenblick der Erkenntnis einstellt.

Als ich also nach der Reisesucht suchte, wusste ich eigentlich gar nicht genau, warum ich es tat. 

Ich hatte lediglich, dass meine eigenen Entscheidungen nicht mehr wirklich frei von Trieb waren. Jede Veränderung in meinem Leben musste ein Element des Neuen enthalten. Sonst würde es mich langweilen. 

Existiert Reisesucht?

Die Große Frage war deswegen für mich: Gibt es ein Wort, für das, was ich fühle? Gibt es andere Menschen, die bereits eine Form von Reisesucht erfahren und beschrieben haben? 

Oft hilft es uns bei der Bearbeitung unserer eigenen Erfahrung, wenn wir an die eines Fremden anknüpfen können. Diese Einsicht hatte schon immer mein aggressives Lesen motiviert.

Vielleicht finde ich ja etwas, das meine derzeitige Situation erklärt und mir dabei hilft, diese zu bewältigen. 

Im Fall von Reiselust war das jedoch nicht der Fall. 

Es gab eine klinischen Studien oder wirkliche Expertenmeinungen, sondern nur die üblichen Artikeln von Reise-Bloggern, die in ihren Texten das eigene Leben rechtfertigten. 

Und dann war da noch ein langweiliger journalistischer Artikel, der versuchte, die lange Geschichte von getriebenen Vagabunden zu erklären. Auch dieser half mir wenig.

Ich hatte ein Problem und wollte eine Lösung. Wenn Reisesucht wirklich existiert, dann wäre ich wohl ein Fall für die entsprechende Therapie.

Die Diagnose: Reisesüchtig

An diesem Punkt meines Lebens war jede Entscheidung an neue Orte geknüpft. Dies bedeutete in eine neue Stadt zu ziehen oder in einem unbekannten Land irgendwas zu tun, was ich vorher noch nicht getan hatte: Oliven ernten zum Beispiel.

Selbst die Währung meiner Wahl war Reisen. Anstatt wie normale Menschen Geld im Bezug auf monatlichen Mietausgaben oder ein paar Sneakers zu beziehen, berechnete ich alles als Reisezeit

500 Euro entsprachen einem Monat Reisezeit (in Südostasien, oder in Europa bei Couchsurfing oder Volunteer-Work). Mein Kontostand, für mich, entsprach zu diesem Zeitpunkt also etwa 3 Jahren Reisezeit, eine fröhliche Aussicht für Jemanden, der das Reisen als das höchste Glück auf Erden betrachtet.

Das Ende Der Zufriedenheit

In 2015 brach ich auf die zweite große Reise meines Lebens auf. 

Ich hatte bereits direkt nach dem Abitur ein Jahr in Australien, den Philippinen und Japan verbracht und hatte demnach eigentlich die GAP-Year-Erfahrung bereits abgehakt. Aber die Idee von Asien reizte mich irgendwo. 

Gleichzeitig konnte hatte ich die perfekte Erklärung gefunden(für meine Familie und mich selber), warum eine zweite Reise nötig war. Meine derzeitige Freundin hatte die Erfahrung noch nicht gemacht. 

Ein Jahr sparten so viel wie möglich, um ein größeres Reise-Budget ansammeln.

Ein ganzes Jahr lief ich mit einem hässlichen Haarschnitte durch die Stadt. Zu dieser Zeit berechnete ich meine Finanzen in Mahlzeiten in Südostasien. Zwei Monate hässlicher Haarschnitt waren demnach 10-20 Mahlzeiten im Restaurant wert. Das schien mir ein guter Kompromiss. 

Als wir dann im Sommer 2015 tatsächlich unsere Koffer packten, war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob die Reise überhaupt nötig war. 

Ich war zufrieden, hatte eine hübsche Freundin und einen Job in einer Burrito-Bar, in dem ich so viel Essen konnte, wie ich wollte. 

Außerdem hatte ich meine eigenen Projekte: eine kleine Zuhörerschaft im Internet, die ich durch mein derzeitiges Buch und meine Youtube-videos aufgebaut hatte. 

Aber auch hier stellten sich dieselben Fragen, wie vor meiner Reise nach Australien damals: Bist du in der Lage, dass aufzugeben, was dir gegenwärtig wichtig erscheint? Kannst du loslassen und darauf vertrauen, dass was auch immer du auf deinem Weg finden wirst, besser sein wird, als das, was du momentan hast? 

Vor Australien ging es damals eigentlich nur darum ob das Risiko eingehen könnte an Muskelmasse zu verlieren, welche ich mit viel wöchentlichem Zeitaufwand und Ernährungsgewohnheiten herangezüchtet hatte.

Die Antwort war beide Male klar: Du kannst dein ganzes Leben lang noch an einem Ort bleiben und “einfach” zufrieden sein.

Dennoch war ich sehr zufrieden mit meinem Leben vor der zweiten großen Reise. Ich erinnere mich noch genau, wie ich mich fühlte. Ich könnte eigentlich auch hier bleiben, dachte ich. Ich bin zufrieden mit meinem Leben.

Das war der letzte Moment in dem ich für die nächsten 5 Jahre meines Lebens Zufriedenheit erleben sollte. Dies war der Beginn meiner Reisesucht.

Krankheitsbild

Reisesucht ist wie alle anderen Abhängigkeiten. Sie basiert auf der Versprechung positiver Gefühle, die scheinbar ausschließlich an die Aktivität selbst gekoppelt sind. Diese Gefühle funktionieren wie eine Art Anker der uns erlaubt, dass wir uns nicht mit uns selber, mit unseren Ängsten und fundamentalen Fragen beschäftigen müssen. 

Reisesüchtig zu sein unterscheidet sich nicht bemerkbar von Spielsucht. Die Aussicht auf den nächsten Kick zieht uns immer wieder zu unserem Suchtmittel. 

Reisesüchtig zu sein unterscheidet sich nicht bemerkbar von Spielsucht. Die Aussicht auf den nächsten Kick zieht uns immer wieder zu unserem Suchtmittel. 

Im Gegensatz zur Spielsucht verliert man beim Reisen nie. Alles Neue ist per Definition eine weiter Reiseerfahrung. Sogar wenn dir ein betrügerischer Taxifahrer Geld abknöpft, dann ist dies dennoch eine gute Geschichte, die du mal deinen Enkeln erzählen kannst. 

Reisesüchtige können also nur gewinnen–zumindest auf kürzere Sicht. 

Die Probleme zeigen sich erst dann, wenn unsere Psyche sich auf die von Außen kommende Stimulation einstellt. Die ständigen Ortswechsel und neuen Bekanntschaften konditionieren den eigenen Geist darauf, das Aufregende als den Normalzustand zu akzeptieren.

Die Aufregung Als Normalzustand

Wenn wir dies lange genug tun, dann wird der einzige Anker in unserem Leben die Veränderung selbst. Anstelle einer Beziehung, eines Arbeitsplatzes oder eines regelmäßigen Tagesablaufes, verlassen wir uns auf die Unregelmäßigkeit selbst

Und je länger wir das tun, desto eher verändert sich unsere Psyche bis sie permanent nach Impermanenz dürstet. 

Du hast einen schlechten Tag? Wahrscheinlich stimmt etwas mit deiner derzeitigen Location nicht.

Unglücklich? Vielleicht ist Israel einfach nichts für dich.

Du weißt nicht, was du mit deinem Leben machen sollst? Vielleicht findest du die Antwort im Hostel in Portugal, zwischen all den Anderen, die auch nicht wissen, was sie mit ihrem Leben machen sollen.

Reisesucht existiert. Auch wenn es noch keine klinischen Studien zu der Erscheinung gibt, bin ich mir sicher, dass der Zustand bei Zeiten diagnostizierbar sein wird. Schließlich wird sogar schon Videospielsucht mittlerweile als Abhängigkeitserkrankung anerkannt.

Warum macht Reisen süchtig? 

Unser Gehirn hat sich über Jahrtausende daran gewöhnt, dass an einem normalen Tag gar nicht besonders viel passiert. Wir verbrachten Zeit mit den Menschen unserer Gruppe und sammelten ein paar Beeren. Das größte Ereignis war die tägliche Jagd oder eine Geburt im Dorf. Aber auch diese waren eng mit dem bereits bekannten Setting verknüpft. 

Reisen, wie auch Videospiele oder Casinos, erlauben es uns, die Menschliche Kapazität für Stimulation komplett zu überwältigen. 

Reisen, mehr als vieles andere, spricht eine kombinierte Vielzahl von psychologischen Triggern in unserem Gehirn an. 

Die Frage ist also eher dies. Wir könnten wir mit einem normal funktionierenden Gehirn, nicht süchtig nach Reisen werden? 

Wir könnten wir mit einem normal funktionierenden Gehirn, nicht süchtig nach Reisen werden? 

Wenn wir uns den stereotypischen Aufenthalt in Thailand ansehen, dann sollte deutlich werden, was unseren Geist in die Reisesucht treibt.

Willkommen auf Kho Sterotypong

Wir befinden uns auf Kho Sterotypong. Komplett distanziert von unserem eigentlich Leben, gelten plötzlich folgende Regeln:

  • Wir können uns im Prinzip alles kaufen (Reichtum). 
  • Wenn wir ihnen Geld geben, machen Leute alles Mögliche (und Unmögliche für uns (Macht). 
  • Wir treffen ungemeine Mengen an anderen gelangweilten und erfahrungsgierigen Touristen (Fortpflanzung). 
  • Zusätzliche Stimulanzien sind überall erhältlich (Alkohol, Drogen, Bodypaint). 
  • Wir können Essen, was wir wollen und soviel wir wollen — und zwar im Restaurant (Nahrung). 
  • Letztendlich können wir uns, um die noblen Seiten der Menschlichen Existenz nicht zu verkennen, von der Schönheit der Natur bedröppeln lassen. 
  • Und wenn uns alles nicht mehr passt, oder die kurze Beziehung mit unserer Bungalow-Affäre ein tragisches Ende nimmt, dann können wir einfach abhauen (absolute Freiheit). Nach Vietnam zum Beispiel.

Wie könnte man bei der alltäglichen Gotteserfahrung nicht reisesüchtig werden?

Reisen erlauben uns, jederzeit alles zu tun, was wir wollen, mit wem wir wollen und nur so lange wir das wollen. Ist das nicht ein Traum?

Reisen erlauben uns, jederzeit alles zu tun, was wir wollen, mit wem wir wollen und nur so lange wir das wollen.

Ja, das ist es. 

Aber diesen Traum zu akzeptieren ist auch der Anfang von Reisesucht. Reisesucht beginnt, wenn wir den inneren Kampf mit der Oberflächlichkeit verlieren.

Wir werden Reisesüchtig, wenn wir das, was um uns herum passiert, unendlich höher bewerten als unsere inneren Prozesse. 

Warum Suchen, Wenn Man Auch Finden Kann?

Reisesucht heißt Befriedigung in der Umgebung zu Finden, anstatt sie im Inneren zu Suchen.

Und wieso sollten wir? Letzteres ist schließlich ein Prozess, der mehrere Jahre in Anspruch nehmen würde. 

Warum nicht jetzt glücklich sein, mitten im Leben stehen! Diese Frage wird erst wichtig, wenn das Glück, dass wir auf Reisen erleben, nicht mehr länger unserem Anspruch genügt. 

Solange es aber funktioniert, solange wir den Kick aus dem Reisen bekommen, gibt es für unser Schimpansengehirn gar keinen Grund irgendetwas zu verändern. 

So richtig kritisch wird es erst, wenn die ersten Zweifel kommen.

Warum scheinen mir meine Reisen plötzlich trivial? Warum geilt es mich nicht mehr so an wie früher, wenn ich mir für 400 Euro ein Highrise-Apartment in Bangkok miete? Gibt es vielleicht mehr im Leben, als das aktive Verändern meiner Wohnsituation ?

Die Reisesucht beginnt mit einem stärker werdenden Fokus auf die äußere Welt. Heilung beginnt mit der Frage nach innerer Zufriedenheit. 

Die Reisesüchtigen suchen nach Stimulation, nach flüchtigem Glück. Der reife Charakter sucht nach Tiefe, nach kontinuierlicher Weiterentwicklung der endlosen Weite im Inneren.