Der Sommer der Entspannung

Nie zuvor war ich so gestresst wie letzten Winter. Und noch nie habe ich mich meinem Körper so wohl gefühlt, wie jetzt. Was ist passiert?

Vielleicht musste ich erst eine Reise in die Unterwelt unternehmen, um zu verstehen, wie Stress sich genau anfühlt. Oft resultiert aus erhöhtem Leid ein gesteigertes Bewusstsein. Ich war wahrscheinlich auch in der Vergangenheit gestresst–ich wusste es nur nicht.

Passiert ist seit dem nichts besonders. Ich merke einfach, wenn Änderungen in meinem Spannungslevel auftreten. Und zwar direkt.

Ich merke, wenn ich mal wieder etwas flacher atme. Ich merke auch, wenn ich schneller gehe als nötig. Ich merke, wenn sich in mir alles zusammenzieht.

Die kleinen Schwingungen des Körpers erst einmal zu bemerken: das ist eine Kunst.

Natürlich hilft es, jeden morgen zwei bis drei Stunden am Meer zu sitzen. Aber mein Selbst vom Vorjahr würde es sogar schaffen, trotz dieser günstigen Bedingungen in einem Stresszustand zu geraten (wie der letzte Sommer deutlich gemacht hat).

Es einfacher, stressfrei zu sein, wenn nicht viel zu tun ist. Aber meine Todo-Liste ist genau so lang wie früher; ich bin einfach weniger verbissen.

,,Jeder kann entspannt sein,” wenn wenig Druck da, ,,könnte man vielleicht sagen.” Aber genau so gut können wir auch gestresst sein, obwohl (eigentlich) kein Druck da ist. Wir sind Experten darin, uns selber Druck zu machen.

Was ist also passiert? Auf einmal schlafe ich wie ein Stein, wache auf und bin motiviert, befreit, will Dinge tun anstatt darüber zu lesen, wie man die Dinge des Lebens besser tut. Ich lebe wieder, anstatt mich darauf vorzubereiten, zu Leben. Tatendrang–aber vielleicht ist das einfach nur Frühling?

Wenn die Ursache nur im Ende von Winter zu finden ist, dann hat das Konsequenzen. Die Hypothese muss auf die Probe gestellt werden. Und zwar im nächsten Winter.

Wenn der Winter mich für mehrere Monate ,,auf Eis legt”, dann bedeutet kein spürbarer Winter auch kein Eis. Aus diesem Grund gelobe ich, nächsten Herbst temporär auszuwandern.

Dabei geht es nicht darum, Länder zu besichtigen oder Urlaub zu machen. Ich will einfach nur Sonne und Leben, anstatt Winter und Warten.