Träumen als Flucht: Wie du der Realität ins Auge blickst

In deinem Leben läuft mal wieder nicht alles nach Plan

Vielleicht ist es die Stimmung bei der Arbeit.

Vielleicht bist du dir nicht mehr sicher, wie du zu deiner Beziehung stehst.

Aber vielleicht machst du dir auch einfach selber Stress.

Die ständigen Vergleiche mit anderen Menschen geben dir das Gefühl, dass du ganz weit hinten liegst.

Kennst du das? 

Dir geht es nicht gerade einfach nicht besonders gut.

Das weißt du selbst.

Es ist kein Wunder, dass du mal wieder darüber nachdenkst, alles zu verändern.

Und wenn du so vor dich hin grübelst, findest du natürlich leicht eine Ursache für deine Leiden.

Deine Wohnsituation, Partner, Jobb, Hobby und Haarschnitt passen auf einmal nicht mehr zu dir.

Irgendetwas das draußen ist für deine unangenehmen Gefühle verantwortlich.

Die Lüge der Vorstellung

Es ist gut, dass du so denkst.

Wo wären wir denn als Spezies, wenn wir nicht nach den Ursachen unseres Leidens suchen würden?

Und irgendwo muss es ja herkommen! Irgendein Faktor in deinem Leben ist schließlich dafür verantwortlich, dass du dich gerade nicht so gut fühlst.

Zeit für Veränderung! Oder zumindest fantastische Visionen von Veränderungen.

Sobald du dann die vermeidliche Ursache deines Leids identifiziert hast, beginnst du sogleich damit, dir ein besseres Leben vorzustellen.

Wie es wohl ohne deine Freundin wäre? 

Wenn du jetzt deine Arbeit kündigst, dein Studium schmeißt, oder nie wieder mit deiner Mutter redet, dann wird vielleicht alles besser… 

Und vielleicht wird es das.

Aber oft ziehst du voreilige Schlüsse. Ein negativer Gefühlszustand macht dich nicht gerade zum besten Ermittler. 

Das Paralleluniversum ruft!

Aus deiner Unzufriedenheit heraus, beginnst du dir ein alternatives Leben vorzustellen. Du stellst ein Bild vor die Wirklichkeit. Deswegen sprechen wir von Vor-stellung.

Mit anderen Worten bist du nicht wirklich im Kontakt mit der Realität selbst, ganz im Gegenteil. Du versuchst ihr zu entfliehen.

Vielleicht hast du dabei eine ganz persönliche Vorstellung, die du immer heraufbeschwörst, wenn du dir deiner derzeitigen Situation unsicher bist.

Viele Menschen haben die Tendenz, sich in eine andere Welt zu träumen, wenn es im Leben mal wieder nicht so gut läuft. 

Mache Leute fliehen in die Vergangenheit und die Erinnerung von ,,besseren Zeiten.” 

Dann denkst du plötzlich an deinen Ex-Freund, oder die Zeit, in der du noch in der Schule warst. Als du dir um nichts Sorgen machen musstest.

Andere stellen sich eine utopische Zukunft vor, träumen von exotischen Orten, neuen Partnern, besseren Arbeitsplätzen. 

Die Fähigkeit zum Träumen ist inherent wertvoll. Sie hilft dir, dein Leben zu verbessern.

Aber ziemlich oft versuchst du einfach deine negativen Gefühle wegzuträumen. Du bist auf der Flucht.

Wenn es mir nicht gut geht, dann flüchte ich mich in Träume von Reisen. 

Reisen haben mir in der Vergangenheit immer viel Stimulation und Glück geboten. Sicherlich fühle ich mich auch jetzt wieder besser, sobald ich mich in einem fernen Land befinde…

Wenn diese Bilder auftauchen, dann weiß ich, dass ich gerade unzufrieden bin. 

(In dieser Stimmung habe ich in der Vergangenheit auch schon mehrmals das Flugticket gebucht.)

Diese Bilder in meinem Kopf sind nicht konkret. Es gibt keine bestimmte Absicht dahinter. Purer Eskapismus. 

Ich mir Alles vorstellen—und zwar überall. Solange da Veränderung ist. 

Diese Veränderung, bilde ich mir ein, wird mich wieder glücklich machen.

Deine ganz individuelle Traumwelt

Auch du hast wahrscheinlich deine go-to Fantasiewelt für schlechte Zeiten. 

Mein Kumpel Sebi redet seit vielen Jahren davon, einen Van zu bauen.

Interessanterweise kommen die Gedanken immer dann verstärkt hoch, wenn er sich zeitweise weniger gut fühlt.

Roman will in regelmäßigen Abständen Fitness-Youtuber werden. Aber dann ist sein Kopf plötzlich wieder wo anders.

Wir alle haben Träume, die wir vorschieben, wenn wir im Hier und Jetzt mal wieder nicht zufrieden sind.

Aber das Schlimmste, was du tun kannst, ist es, blind deine Impulsen zu Folgen. 

Dann riskierst du, etwas hinter dir zu lassen, was eigentlich gut ist.

Deine fehlende emotionale Reife treibt dich dann von objektiv positiven Aspekten deines Lebens weg: beispielsweise von einem fast fertigen Studium.

Träumen oder Lernen: Deine Entscheidung!

Vielleicht macht dich dein Job, deine Beziehung, dein Wohnort, oder deine Haarfarbe tatsächlich unglücklich. 

Aber oft ist deine fehlende Zufriedenheit das Symptom eines tieferliegenden Problems.

Und in diesem Problem liegt ein riesiges Lernpotential. Dieses kannst du aber nur ausschöpfen, wenn du bei dem Gefühl bleibst und es erlebst.

Persönliches Wachstum geschieht in Mitten deiner unangenehmen Gefühle. 

Wenn du stattdessen etwas in deiner Umwelt veränderst, dann fühlst du dich sofort besser—aber auch nur für eine Weile. 

Aber wenn da ein fundamentales Problem war, dann fängst du in deiner neuen Umwelt wieder von Vorne an: du hast dich schließlich nicht verändert.

Persönliches Wachstum geschieht in Mitten deiner unangenehmen Gefühle. 

Die Tinder-Geschichte

Ich war längere Zeit mit einer sehr attraktiven Frau befreundet, die sich vor kurzem von ihrem langjährigen Freund getrennt hatte. Natürlich begab sie sich direkt auf eine Tinder-Eskapade und hatte mehrere Affären mit Typen, bei denen in ihren eigenen Worten nichts fühlte.

Nein, stimmt nicht.

Bei dem einen war der Sex extrem gut, aber sie konnte ihn überhaupt nicht leiden und fand ihn dumm.

Als Aussenstehender fand ich es immer sehr faszinierend, wie sie selbst blind für ihren eigenen Wahn war.

Gerade hatte sie sich von ihrer ersten großen Liebe getrennt.

Natürlich muss  an dieser Stelle emotionales Unwohlsein erlebt werden. Aber sie wollte das (verständlicherweise) nicht. 

Stattdessen flüchtete sie sich in eine Art Illusion vom neuen, freien Leben. Es war zu schwierig für sie, ein paar Monate nur mit der Trauer zu verbringen.

Aber auch du hast wahrscheinlich deine Methoden. 

Wenn du deine Gefühle nicht durch Essen, Drogen oder Alkohol erstickst, dann zumindest durch deinen Vorstellungen von einem besseren Leben.

Wie wir festgestellt haben, beraubst du dich jedoch einer außerordentlichen Möglichkeit für persönliches Wachstum. 

Wenn du dich also wiederholt in Träume flüchtest, dann wirkst du deinem inneren Wachstum entgegen. Das wird relativ deutlich, wenn du in Barcelona im Hostel den 40-Jährigen Australier triffst, der den Ausstieg von Backpacking nicht wirklich geschafft hat. 

Deswegen musst du lernen, dich mit deinen Gefühlen bekannt zu machen—ganz da zu sein.

Dieser Weg ist kurzzeitig unangenehmer, aber macht dein Leben garantiert langfristig besser.

Hier sind ein paar Schritte, die du umsetzen kannst, wenn du dich das nächste Mal Träume vor die Wirklichkeit stellst. 

Wege zur Wirklichkeit

1) Kontemplation

Suche dir eine Form von Kontemplation, die zu dir passt. Jegliche Formen von Meditation, Spazierengehen (ohne Kopfhörer!) oder Journaling sind erlaubt.

Erst einmal musst du nämlich lernen, zu bemerken, wann du unglücklich bist. 

Wenn du auf autopilot lebst, dann ist es unmöglich, zu wissen, was in dir vorgeht. Deswegen ist es gut, wenn du regelmäßig eine Form von meditativer Praxis in deinem Leben übst. 

Diese sorgt für ein Fundament von Achtsamkeit, welches es leichter macht, dein Unwohlsein zu erkennen.

2) Beobachtung

Wenn du das dann deine Unzufriedenheit erkennst, beobachte sie zunächst einfach nur.

Wir urteilen oft zu schnell. Sobald das Urteil erst einmal gefällt wurde, ist es schwer, anderen Ursachen für unsere Gefühle in Betracht zu ziehen.

Deswegen ist der erste Schritt das Beobachten der Gefühle, ohne sie erklären zu wollen.

Es gibt keine Eile.

3) Mustererkennung

Wenn du einfach nur beobachtest, dann fallen dir nach einiger Zeit Muster auf. Selbst wenn du nicht frenetisch nach ihnen suchst.

Vielleicht fühlst du dich wirklich jedes Mal nach der Arbeit unwohl.

Ist die Zeit mit deinem Partner mittlerweile eher Anstrengung als Glück?

Aber vielleicht merkst du auch, dass du manchmal selbst in einen angespannten Zustand rutscht, ohne dass es dafür einen bestimmten Grund gibt. 

4) Beginne im Inneren

Versuche erst einmal das Problem in deinem Inneren zu lösen.

Selbst wenn deine Kollegen nervige Menschen sind, ist es vielleicht dennoch möglich, deine emotionale Reaktion abzuschwächen. 

Auch wenn deine Partnerin zu viel von dir will, kannst du dich vielleicht zunächst daran versuchen, deine Grenzen zu stärken. 

Und vielleicht brauchst du gar keinen Urlaub. Vielleicht reicht es, nicht grundlos in einen Spannungszustand zu rutschen, wenn du mal wieder Dinge zu schnell erledigen möchtest.

5) Veränderung

Natürlich kann es passieren, dass dich äußere Zustände auch nach längerer Beobachtung noch Stressen.

Wenn deine Versuche, diese Einflüsse innerlich zu managen, weiterhin scheitern, ist es Zeit für Veränderung.

Aber vergiß nicht, dass Zustände die ihren Ursprung in deinem Inneren haben nicht verschwinden—auch wenn du ein halbes Jahr nach Bali ziehst. 

Wenn du Emotionen mit dir herum trägst, die dir dein Leben erschweren, dass ist es fast sinnvoller in deiner Situation zu verweilen.

Bis du gelernt hast, mit ihnen umzugehen.

Was Jetzt?

Wenn du diesen Schritten folgt, wirst du mit der Zeit besser darin werden, deine Gefühlswelt zu beobachten. 

Dann fällt es dir auch leichter, zu unterscheiden, welche Situation genau welches Gefühle in dir verursacht–und inwiefern deine eigene Interpretation dazu beiträgt. 

Wenn du jetzt etwas tun möchtest, damit du in Zukunft mehr in der Wirklichkeit und weniger in deinen Träumen lebst, dann schlage ich dir Folgendes vor:

  1. Mache heute mal einen richtig langen Spaziergang und lass alle deine aufkommenden Gedanken einfach rollen. 
  2. Wenn du nach Hause kommst, schreibst du alles auf, was in deinem Kopf so herumschwirrt. Dann setzt du dich eine halbe Stunde an einen stillen Ort, und machst einfach gar nichts.
  3. Wie viele deiner Probleme sind jetzt noch relevant? 
  4. Notiere die Probleme, die sich auch nach dieser Übung in den Vordergrund drängen.
  5. Identifiziere, ob du aktiv etwas tun kannst, um diese Probleme zu lösen. 
  6. Wenn nicht, vielleicht gibt es da etwas, was du in deinem Inneren lösen kannst, um deine Reaktion auf diese Problem zu verbessern?

Problemlösung geschieht immer im Jetzt–in deinem Inneren. 

Wenn du dir danach immer noch die Haare färben willst, be my guest.

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