Ich will nicht sagen, dass ich voller Reue bin…

Aber da ist eine Art Verwunderung darüber, dass ich die Dinge erst jetzt zu verstehen beginne.

Was mir wirklich wichtig ist. Was mir tatsächlich Freunde bringt. Wer ich bin. Und dennoch, kann ich mir auch jetzt wieder nicht sicher sein, dass auf dem richtigen Weg bin. Wie könnte ich auch? 

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Dinge, die mich zeitweise berühre und begeistern, schon innerhalb von wenigen Jahren wieder trivial erscheinen. So passiert das immer und immer wieder.

Und das, obwohl ich mir schon seit ich Denken kann, Mühe gegeben habe, nur die Dinge zu tun, die wirklich ich waren. Ja, sie waren es. Und jetzt sind sie es nicht mehr.

Ich bin verwundert darüber, dass ich erst jetzt verstehe, wie gerne ich alleine bin, wie sehr ich Stille mag, wie wenig Kontakt mit anderen Menschen ich brauche, wie wenig ich allgemein brauche, wie viel an einem Tag passiert–so ganz im meinem Inneren–ohne dass Einwirken fantastischer Impulse von Außen.

Solange ich lesen kann, meine Ruhe habe und gut schlafe, geht es mir gut. Komisch. Das hätte ich auch schon früher haben können. 

Mich fasziniert die Tatsache, dass jetzt, während ich mich langsam dem reifen Lebensalter von dreißig Jahren nähere, immer noch neue Erkenntnisse darüber habe, was ich eigentlich will. Jeden Tag. Mit zwanzig denkt aus irgendeinem Grund, das man sich bestens kennt.

So meinte ich irgendwann einmal, dass es unglaublich wichtig sei, durchtrainiert zu sein. Jetzt bin ich froh, einfach gesund zu sein.

Auch glaubte ich, dass man auf jeden Fall dauert Zugang zu neuen Partnern braucht. So als Grundbedürfnis. Jetzt denke ich sogar, ich könnte mein Leben lang alleine sein. 

Sehr lange Zeit fand ich es erstrebenswert, so viele Orte wie möglich zu besuchen. Jetzt will ich kaum zwei Stunden mit dem Zug fahren.

Was ist passiert? Hätte mir das nicht mal jemand früher sagen können?

Warum fällt mir erst jetzt auf, dass ich wohl am besten in einer Karriere als Forscher, Programmierer oder einsamer Friedhofswärter (das Ergebnis meines Berufs-Interessen-Tests im Gymnasium) aufgehoben wäre?

Dann hätte ich ja schon die ganze Zeit genau das machen können. Ganz ohne Umwege. Ganz ohne abenteuerliche, reisserische, aufregende Lebenserfahrungen–Aha! Vielleicht ging es ja genau darum? 

Genauer gesagt, vielleicht musste ich ja erst die Tortur von jahrelangen Reisen, exotischem Essen, durchfeierten Nächten und endlosen Verabredungen mit fremden Frauen überstehen, um endlich in mein ganz persönliches Paradies eintreten zu dürfen?

Vielleicht hatten die durchfeierten Nächte an exotischen Orten mit exotischen Frauen (und exotischem Essen) vielleicht ihren Platz in meiner Historie. Vielleicht mussten sie sogar–Ach, Einbildung! Ich versuche doch nur, mir besseres Gefühl zu geben…

Vor 10 Jahren war ich doch noch viel zu stumpf, um einen Abendspaziergang im kühlen schwedischen Frühlingswetter so wirklich genießen zu können. Da hätte sich das alles noch nicht genau so angefühlt wie jetzt. 

Vor 10 Jahren hätte ich auch noch neben dem Fussballplatz sitzen bleiben können, ohne dass mir die aggressive Stimmung der Jungs bis zum aufsteigendes Angstgefühl in die Knochen gekrochen wäre.

Ist es nicht wunderbar, mit der Zeit weniger zu wollen und ständig mehr zu haben? Weniger Gier, weniger Sog, weniger Sucht. Wenn das so ist, kann ich auch mit etwas Reue leben.

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *